Kapitel 1
Hospitationsreise ins Familienzentrum Philantow in Teltow Das Netzwerk für frühe Bildung „Eltern-Kind-Gruppen im Landkreis Oder-Spree“ ließ sich am 4. April in Teltow inspirieren.

Im Landkreis Oder-Spree in Brandenburg begleitet Qualität vor Ort ein Netzwerk von Eltern-Kind-Gruppen. Die Akteurinnen und Akteure dort haben sich zum Ziel gesetzt, die Gruppen so zu gestalten, dass sie Bildungszugänge für alle Familien ermöglichen – konkret auch für geflüchtete Familien, die in den letzten Jahren nach Brandenburg gekommen sind. Am 4. April besuchte das Netzwerk das gut etablierte Familienzentrum Philantow in Teltow, um dort von den langjährigen Erfahrungen mit Eltern-Kind-Gruppen zu lernen.

Das Familienzentrum Philantow in Teltow ist ein Ort, der für die Kinder gemacht ist. Das sieht man bereits vor dem Eintritt in das große Haus, das in der brandenburgischen Stadt wohl jedem bekannt ist. Unter einem Abdach steht Kinderwagen neben Kinderwagen, hinter dem Haus ist ein großzügiger Kletterspielplatz angelegt. Im Haus selbst sind Spielmöglichkeiten auf Kinderhöhe angebracht, es gibt kindgerechte Toiletten und einen gut zugänglichen Wickeltisch. Die Türen stehen offen – nicht nur zum großen, hellen Gemeinschaftsraum in dem sich am 4. April rund zwölf Mütter mit ihren Babys aufhalten und gemeinsam Kaffee trinken, auch zur Küche ist der Zutritt nicht versperrt. Man fühlt sich eingeladen, das merken auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Hospitationsreise sofort. Gemeinsam mit der Prozessbegleiterin Jetti Hahn sind sechs Akteurinnen und Akteure aus dem Netzwerk für frühe Bildung des Landkreises Oder-Spree nach Teltow gekommen, um von den Erfahrungen der Erzieherinnen des Philantow zu lernen, Fragen zu stellen und Inspirationen für ihre eigene Arbeit zu bekommen.

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Die Akteurinnen und Akteure reisten aus dem Landkreis Oder-Spree ins Familienzentrum Philantow in Teltow. | dkjs

Der Besuch des Familienzentrums beginnt offiziell mit einem gemeinsamen Mittagessen. Doch bereits direkt nach dem Ankommen erkunden die Besucherinnen die Räume – die Handykameras dabei immer im Einsatz. „Ich habe ganz viele Fotos gemacht, weil der Ort hier so viel Wärme ausstrahlt. Und das kommt natürlich gut an“, sagt eine Teilnehmerin, die die gemachten Bilder zu Hause ihren Kolleginnen zeigen will. Vielleicht lässt sich das ein oder andere nachbauen.

Bei Pizza und Saft im Gemeinschaftsraum des Philantow beginnt gleich der Austausch zwischen den Teilnehmenden der Hospitationsreise. Vier Erzieherinnen und ein Leiter eines Eltern-Kind-Zentrums, eine Vertreterin aus der kommunalen Verwaltung, die Prozessbegleiterin Jetti Hahn und Frau Stark, die als Vertreterin des Jugendamtes des Landkreises Oder-Spree im Netzwerk mitarbeitet, erzählen sich gegenseitig, wie es in den Eltern-Kind-Gruppen vorangeht.

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Kapitel 2
Der Prozess hin zu guter früher Bildung in Eltern-Kind-Gruppen So hat sich das Netzwerk im Landkreis Oder-Spree entwickelt

Seit gut einem Jahr ist das Netzwerk „Eltern-Kind-Gruppen im Landkreis Oder-Spree“ nun schon aktiv. Begonnen hatte alles mit einem Analyseworkshop am 20. April, bei dem die Chancen von Eltern-Kind-Gruppen als Motoren der Integration in die frühe Bildung besprochen wurden. Das Jugendamt des Landkreises Oder-Spree hatte sich zuvor bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung beworben und um Unterstützung beim Auf- und Ausbau von Eltern-Kind-Gruppen in der Region gebeten. Schon zu Beginn der gemeinsam Arbeit waren sich alle einig: Qualitativ hochwertige Arbeit in den Gruppen ermöglicht eine gute Anbindung aller Familien an die Bildungsangebote in den Orten – so kann kein Kind durchs Netz fallen. Denn in Eltern-Kind-Gruppen können geflüchtete Familien schnell Anschluss an die Gesellschaft im Ort finden. Darüber hinaus bieten sie einen sanften Einstieg in die institutionalisierte Kindertagesbetreuung: Eltern wird hier die Angst davor genommen, ihre Kinder allein in eine Kita zu geben.

Im Laufe des Prozesses zeigten sich jedoch auch Hürden, die es zu bewältigen galt oder noch immer gilt: Wie erfahren geflüchtete Familien überhaupt von der Eltern-Kind-Gruppe? Wie können sie diese erreichen, wenn das Wohnheim weit entfernt ist? Wie schafft man Angebote, die für die Zielgruppe attraktiv sind? Die Zusammenarbeit im Netzwerk ist für die Beantwortung dieser Fragen von großem Wert. Denn in jedem Ort läuft etwas anderes bereits gut – die Akteurinnen und Akteure können voneinander lernen und von den frischen Blicken ihrer Kolleginnen und Kollegen aus anderen Gemeinden profitieren. Qualität vor Ort befördert diesen Austausch, indem das Programm dem Netzwerk die Prozessbegleiterin Jetti Hahn zur Seite gestellt hat. Sie sorgt als Profi für Veränderungsprozesse dafür, dass alle Teilnehmenden des Netzwerks regelmäßig zusammenkommen und über ihre Fortschritte, aber auch über die Probleme sprechen, die sie in ihren Eltern-Kind-Gruppen erfahren. Drei solcher Gesamttreffen hat es bereits gegeben, das nächste Treffen wird am 10. Mai stattfinden. Die heutige Hospitationsreise ist ein zusätzliches Angebot, bei dem sich die Teilnehmenden auch außerhalb des eigenen Landkreises weiter informieren können.

Das Programm Willkommen bei Freunden der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) unterstützt das Netzwerk ebenfalls. Das Programm ermöglicht es der Prozessbegleiterin Jetti Hahn, den Teilnehmenden Einrichtungen auch außerhalb der Netzwerktreffen beratend zur Seite zu stehen. Außerdem bietet das Programm im Fortbildungskatalog des Jugendamtes des Landkreises Oder-Spree flankierende Fortbildungsangebote an, zum Beispiel zum vorurteilsbewussten Umgang mit Vielfalt oder zur psychosozialen Stabilisierung von geflüchteten Familien.

Kapitel 3
Wie geht die Hospitationsreise im Philantow weiter? Und was können die Teilnehmenden für die eigene Arbeit mitnehmen?

Nach dem gemeinsamen Mittagessen versammeln sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Seminarraum im ersten Stock des Familienzentrums. Dort lernen sie die Leiterin der Einrichtung, Nadine Ganzert, kennen und treffen auch die Fachkräfte, die die vier Eltern-Kind-Gruppen des Philantow leiten. Nadine Ganzert berichtet davon, wie das Philantow sich zu einer festen Adresse in Teltow entwickelt hat. Nicht nur die Eltern-Kind-Gruppen, auch Sportangebote, die Schreibaby-Beratung und ein Geburtsvorbereitungskurs sind im Familienzentrum angesiedelt. Außerdem können die Räume für Familienfeiern gemietet werden. „Es gibt in Teltow niemanden, der das Haus nicht kennt“, berichtet die Leiterin stolz. Und das hat viele Vorteile: Die pädagogischen Fachkräfte und zahlreichen Freiwilligen, die das Philantow unterstützen, sind immer ansprechbar. Es können Verbindungen hergestellt werden zwischen Beratungsangeboten und anderen Angeboten des Zentrums. Eine verspannte Mutter kann nach der Hebammen-Sprechstunde zum Yoga weiter vermittelt werden. Und wo es nötig ist, gibt es Krisenberatung. Familienbildung wird hier vernetzt gedacht und so erhält jede Familie genau die passende Unterstützung – und das alles in den vertrauten Räumen des Philantow.

Im Anschluss geht es um die Arbeit der Eltern-Kind-Gruppen. Einige sind schon seit Jahren etabliert und haben einen regelmäßigen Kreis von Familien, die die Angebote wahrnehmen. Die Gruppe „Familynos“ dagegen ist gerade noch in Gründung. Zielgruppe für die „Familynos“ sind die geflüchteten Familien, die in den letzten Monaten nach Teltow gekommen sind – ein guter Anknüpfungspunkt für die Akteurinnen und Akteure des Netzwerks aus dem Landkreis Oder-Spree. Die Leiterin der Eltern-Kind-Gruppe, Christina von Thaler, kennt viele der Familien persönlich – sie hat vorher als Sozialarbeiterin im Übergangswohnheim gearbeitet. Dieser persönliche Kontakt ist von unschätzbarem Wert, wenn es darum geht, geflüchtete Familien für die Eltern-Kind-Gruppe zu begeistern. Bei der Besichtigung der Räume der „Familynos“ nutzen die Besucherinnen und Besucher aus dem Landkreis Oder-Spree die Möglichkeit, der Gruppenleiterin Fragen zu stellen. Wie funktioniert es, dass in dem doch recht engen Raum Familien aus ganz verschiedenen Kulturkreisen zusammenkommen? Gibt es Verständigungsschwierigkeiten oder gar Streit zwischen den Müttern? Christina von Thaler erläutert, dass es bisher noch keine echten Reibereien gab, dass sie aber durchaus versucht, Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen der Familien sichtbar zu machen: „Es geht darum, die Verbindungen zwischen den Kulturen aufzuzeigen. Es gibt zum Beispiel bei fast allen ein Neujahrsfest. Und fast alle Religionen kennen eine Fastenzeit“, erklärt sie. Doch die Räume seien tatsächlich manchmal zu klein, geht sie auf die Frage nach dem Platzproblem ein. Zu Stoßzeiten sind bis zu 12 Familien anwesend, in den Schulferien bringen die Mütter zum Teil auch die älteren Kinder mit in die Eltern-Kind-Gruppe. Wenn dann die Siebenjährigen in der einen Ecke toben und in der anderen versucht eine Mutter, ihren Säugling zu stillen, könne man das Platzproblem schon deutlich spüren.

Großes Interesse zeigen die Akteurinnen und Akteure des Qualität vor Ort-Netzwerks an der Ausgestaltung der Angebote der „Familynos“. Hierüber hatten sie sich bereits bei einem Netzwerktreffen am 15. Februar ausgetauscht und sind nun gespannt darauf, wie es in anderen Landkreisen umgesetzt wird. Christina von Thaler erzählt von gemeinsamen Ausflügen ins Umland und davon, wie bei Kochaktionen im Familienzentrum der Kontakt zu den Teltower Familien hergestellt wird – ein wichtiger Schritt hin zu einem echten Ankommen in der Gemeinde. Die Leiterin der „Familynos“ betont, dass es manchmal auch nicht-pädagogisierte Zeit in der Eltern-Kind-Gruppe geben sollte. „Einfach sitzen und quatschen“, sei manchmal genau das, was Mütter brauchten, wenn sie aus dem Wohnheim in die Räume der Eltern-Kind-Gruppe kämen.

Was nehmen wir mit in unsere Einrichtungen?

Zum Ende des ereignisreichen Tages kommen die Netzwerk-Akteurinnen und Akteure zu einer gemeinsamen Reflexionsrunde zusammen. Welche Eindrücke konnten im Philantow gesammelt werden? Welche Inspirationen für die eigene Arbeit haben die Besucherinnen und Besucher gesammelt? Welche nächsten Schritte stehen daraufhin an? Eine Teilnehmerin resümiert, dass sie vor allem den Vernetzungsgedanken zwischen allen Angeboten der Familienbildung spannend findet und diesen gern in ihre Gemeinde mitnehmen will. Man könne doch Frauenärzte und Hebammen ansprechen und die Kooperationen vor Ort nicht nur auf die Zusammenarbeit mit den Kitas beschränken. Auch die Wochenpläne, die in den Betreuungsräumen des Philantow gut sichtbar an den Wänden hängen, könne man vielleicht einführen. So ließen sich die Angebote besser strukturieren und an die Familien kommunizieren. Die Hoffnung dahinter ist, dass die Familien dann gezielt Interesse an einzelnen Angeboten haben und verlässlicher in die Eltern-Kind-Gruppe kommen. Bisher stehe man nämlich zuweilen noch vor leeren Räumen und einen Tag darauf dann wieder vor einer zu großen Gruppe.

Die gemeinsame Arbeit im Netzwerk hilft, das wird zum Ende der Runde ganz deutlich. „Es macht schon allein Mut, dass man in einer Runde sitzt, in der man sich versteht, weil man täglich mit den gleichen Problemen konfrontiert wird“, so eine Teilnehmerin der Hospitationsreise. „Die Angebote der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung werden uns nicht endlos zur Verfügung stehen, wir wollen ja aber langfristige Angebote“, betont Frau Stark vom Jugendamt den Nachhaltigkeitsgedanken, den das Netzwerk gemeinsam trägt und erfüllen will.