Reportage

Wenn einige engagierte Personen zusammenkommen, können sie viel bewegen. Und manchmal motivieren sie sogar einen ganzen Ort zum Mitmachen. Das zeigt das Beispiel des Bildungsnetzwerks in Tarp. Die Gemeinde möchte jedem Kind die bestmögliche Förderung bieten – unabhängig von Herkunft und sozialem Status. Dabei wird sie von Qualität vor Ort unterstützt.

Kapitel 1
Eine Gemeinde trotzt dem demografischen Wandel Trotz ländlicher Lage wächst Tarp in den letzten Jahren stetig. Die Bildungsinstitutionen, vor allem im frühkindlichen Bereich, müssen auf die steigenden Bedarfe reagieren.

| dkjs/S. Kaya
Annekathrin-Schmidt
Judith Detlefsen, Bildungskoordinatorin

„Wie heißt es so schön: Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Und genau das leben wir hier“, sagt Judith Detlefsen, die seit zwei Jahren als Koordinatorin des Bildungscampus Tarp arbeitet. Die Gemeinde in Schleswig-Holstein hatte noch bis in die 1960er Jahre keine tausend Einwohner. Dann entstand hier ein militärischer Flugplatz, Soldaten und ihre Familien kamen und der kleine Ort erlebte eine Bevölkerungsexplosion. Obwohl der Bundeswehrstandort inzwischen aufgegeben wurde, sind die Familien noch da. Heute wohnen etwa 5.600 Menschen in Tarp – und es werden immer mehr. Tarp zieht Familien an und diese haben meist mehr Kinder als im deutschen Durchschnitt üblich. „Ich beobachte, dass sich viele Familien hier noch für ein drittes Kind entscheiden“, sagt Peter Hopfstock, der seit vier Jahren Bürgermeister der Gemeinde ist.

»Wir arbeiten aktiv gegen den demografischen Wandel und wachsen stetig. Was aber bedeutet, dass wir natürlich mit den Bildungseinrichtungen, insbesondere mit den Kindergärten, nachziehen müssen.«
Peter Hopfstock, Bürgermeister
Bildungscampus ist Standortvorteil

Was macht Tarp so attraktiv für Familien? Tarp liegt verkehrsgünstig: 15 Autominuten bis Flensburg, 15 Autominuten nach Schleswig, Neumünster und Kiel sind nicht weit und es gibt einen Bahnhof mit einer stündlichen Verbindung nach Hamburg. Außerdem ist der weltgrößte Hersteller für Haustierbedarf, TRIXIE Heimtierbedarf, hier ansässig und beschäftigt etwa 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein weiterer entscheidender Mehrwert für Familien stellt der Ende 2011 gegründete Bildungscampus Tarp dar, der Angebote für jede Altersgruppe bereithält. Mitglieder sind zum Beispiel die Familienbildungsstätte, die Volkshochschule, die Gemeindebücherei und die Schulen. Besonders stark vertreten sind aber die Angebote für die Kleinsten: Sechs Kindergärten, teilweise mit Krippengruppen, arbeiten im Bildungscampus mit.

Kapitel 2
Bildungsangebote aus einer Hand Vernetzt mehr erreichen – das ist das Motto der Bildungseinrichtungen, die sich in Tarp zum Bildungscampus zusammengeschlossen haben.

| dkjs/S. Kaya
»Vor der Gründung des Bildungscampus haben die Einrichtungen zu wenig miteinander geredet.«
Peter Hopfstock, Bürgermeister
Annekathrin-Schmidt
Jürgen Cordes, Initiator des BiCa Tarp

Jürgen Cordes, selbst Mitglied eines Schulleitungsteams, gilt als Initiator des Bildungscampus. „Wir mussten etwas für die Bildungslandschaft in unserer kleinen Stadt tun und uns gegenüber den größeren Städten Flensburg und Schleswig positionieren – durch Kooperation und Vernetzung“, erzählt er. „Durch die Zusammenarbeit der Bildungseinrichtungen erreichen wir letztlich eine höhere Besucher- und Nutzerzahl.“ Auch Probleme könnten so gemeinsam angegangen werden. Tarp hat sich beispielsweise vorgenommen, etwas gegen Übergewicht bei Kindern zu tun. „Mit nur einer Einrichtung können solche Ziele nicht erreicht werden“, sagt Cordes. „Wenn sich aber etwa die Bücherei, die Volkshochschule und alle Kindergärten in Tarp zusammentun, erzielen wir einen viel größeren Effekt.“ Mit diesen Intentionen gründete sich der Bildungscampus als Verein, BiCa Tarp e.V.

Was ist eigentlich eine Bildungslandschaft?
Jürgen Cordes über die Intentionen des Bildungscampus, den Nutzen von Bildungslandschaften für die frühe Bildung und den wertvollen Blick von außen, den Qualität vor Ort liefert. | dkjs

Kapitel 3
Dank Qualität vor Ort noch besser vernetzt Das Programm bringt die Akteure des Bildungscampus noch näher zusammen und rückt die Qualität in der frühen Bildung als Handlungsfeld ins Bewusstsein.

| dkjs/ S. Kaya

“Wir haben hier als Bildungscampus schon einige Jahre zusammengearbeitet, als wir von Qualität vor Ort gehört haben”, sagt Judith Detlefsen. “Wir hatten zwar schon einige Projekte gut umgesetzt, aber irgendwie fehlte noch das Bauchgefühl, der echte Zusammenhalt im Netzwerk”, erzählt die Bildungskoordinatorin in ihrem Büro, das zentral auf dem Bildungscampus gelegen ist. Von hier aus koordiniert sie die Aktionen rund um das Thema Bildung und ist gleichzeitig Ansprechpartnerin für alle, die sich über die Angebote im Ort informieren wollen. Man kennt sie in Tarp und weiß, bei ihr gibt es Informationen.

»Da klingelt dann beim mir im Koordinationsbüro einfach das Telefon. Wo ist dies? Wo finde ich das? Das geht auf kurzen Wegen bei uns. «
Judith Detlefsen, Koordinatorin des Bildungscampus Tarp

Judith Detlefsen war es auch, die die Bewerbung für Qualität vor Ort an das Servicebüro in Kiel schickte. Man erhoffte sich durch die Angebote der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung mehr Verbindlichkeit im Netzwerk. Vor allem die Prozessbegleitung könnte helfen, alle Akteure des Bildungscampus zu einer echten Einheit zusammenzuschweißen. Servicebüroleiterin Anna Dietrich erinnert sich an die Bewerbung aus Tarp: “Den Bildungscampus in Tarp kannten wir bereits aus dem früheren DKJS-Programm Bildungslandschaften zwischen den Meeren. Wir wussten, dass dort motivierte Menschen arbeiten, die das Beste für die Kinder im Ort erreichen wollen”, erklärt sie weiter. Man habe sich deshalb nach ersten Gesprächen schnell entschlossen, die Kommune Tarp als Netzwerk für frühe Bildung im Programm aufzunehmen.

»Wir waren sofort überzeugt vom Konzept des Bildungscampus. Hier fiel unsere Förderung auf fruchtbaren Boden.«
Anna Dietrich, regionale Programmleitung Qualität vor Ort, Servicebüro Kiel
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Qualität vor Ort?
Judith Detlefsen über die Bewerbung bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und die Zusammenarbeit mit dem Prozessbegleiter von Qualität vor Ort. | dkjs

Die Prozessbegleitung durch “Küstencoach” Frank Ladwig ist Kernstück der Unterstützung, die Qualität vor Ort dem Netzwerk für frühe Bildung in Tarp bietet. Als Moderator ist Frank Ladwig in Tarp darauf bedacht, das Netzwerk zusammenzuhalten, Treffen effektiv zu gestalten und mit den Akteuren vor Ort die richtigen nächsten Schritte zu planen, mit denen die Qualität der frühen Bildung in Tarp noch besser werden kann. Er wohnt nicht in Tarp, schickt seine Kinder dort nicht zur Schule oder in die Kita und kann somit ganz unvoreingenommen beraten – seine Unterstützung wird von den Tarpern gerade deshalb begrüßt.

Ein weiterer Baustein des Unterstützungsangebotes des Programms sind Fortbildungen, die die Akteure des Netzwerks kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen. In Tarp war man zum Beispiel noch unsicher, wie man die Angebote des Bildungscampus gut kommunizieren sollte. Qualität vor Ort organisierte daraufhin einen Workshop zum Thema Öffentlichkeitsarbeit, weitere Fortbildungsangebote sind in Planung. Hospitationsreisen und Netzwerktreffen, bei denen die Akteure aus Tarp die Arbeit von anderen Kommunen kennenlernen und sich über Erfolge und Herausforderungen austauschen können, runden das Angebot von Qualität vor Ort ab.

Kapitel 4
Kitas lernen voneinander Wie machen es die anderen? Für gute Qualität in der frühen Bildung schauen die Erzieherinnen in Tarp gern über den Tellerrand.

| dkjs/S. Kaya

Der dänische Kindergarten Dansk Børnehave Tarp liegt etwas außerhalb des Tarper Bildungscampus. Auf dem Außengelände riecht es nach Lagerfeuer: Eine große Feuerschale steht unter einer Holzüberdachung, umsäumt von kleinen Holzbänken und Picknicktischen. Die Kinder sitzen hier und essen das, was sie sich in ihren Brotdosen von zu Hause mitgebracht haben. „Wenn das Wetter es zulässt, essen wir immer draußen“, sagt Majbrit Herrguth, die den Kindergarten leitet. „Wir möchten den Kindern die Natur näher bringen.“ 51 Kinder in einem Alter von einem Jahr bis sechs Jahren besuchen den dänischen Kindergarten. Im Kindergarten wird nur Dänisch gesprochen. „Ich finde den Austausch innerhalb des Bildungscampus und gerade zwischen den Leitungen der Kindergärten enorm wichtig“, sagt Herrguth. „Seitdem wir dabei professionell von Qualität vor Ort unterstützt werden, bekommt dieser Austausch noch einmal eine ganz andere Qualität“, lautet ihre Einschätzung.

»Der Prozessbegleiter spricht Dinge an, die man von sich aus nicht ansprechen würde. Dadurch entsteht eine tiefere Ebene der Zusammenarbeit. «
Majbrit Herrguth, Leiterin Dansk Børnehave Tarp
Hospitationsreise nach nebenan

Innerhalb des Bildungscampus kooperiert der dänische Kindergarten besonders stark mit der dänischen Grundschule im Ort und den zwei Tarper Kindergärten des Trägers ADS Grenzfriedensbund e.V., Arbeitsgemeinschaft Deutsches Schleswig. Einer dieser Kindergärten ist die Einrichtung an der Wanderuper Straße. Den Besucher empfängt dort ein kreisrundes Gebäude mit einer riesigen, runden Eingangshalle. Alle Räume gehen hiervon ab, sie sind geschnitten wie Kuchenstücke einer Torte. Claudia Wrobel, die den Kindergarten seit August 2016 leitet, steht im großen Außengelände. Dort gibt es eine aus Wackersteinen gemauerten große Sandkiste und einem richtigen Berg, von dem eine Rutsche hinunter- und ein Kletterseil hinaufführt. Die Kooperationen innerhalb des Bildungscampus tragen bereits erste Früchte, erzählt die aufgeschlossene Kita-Leiterin: „Zu unseren Schließzeiten arbeiten wir mit dem Kindergarten am Schellenpark zusammen und bieten wechselseitig eine Ferienbetreuung an“. Außerdem hat ein Austauschprojekt begonnen, bei dem sich die Kinder und Erzieherinnen der beiden Kitas gegenseitig besuchen. „Wir haben einfach mal dort am Morgenkreis teilgenommen, neue Lieder gelernt und Gesangbücher ausgetauscht“, erzählt Claudia Frobel von ihrem Besuch in der dänischen Kita, „dieser Austausch mit dem dänischen Kindergarten ist auch so toll, weil wir für wenig Budget ganz viel erreichen können. Es muss nicht immer alles was kosten.“ resümiert sie die Vorteile der Kooperation. Auch Julebaumfest, das dänische Äquivalent einer Weihnachtfeier mit Tannebaum, Kinderpunsch und Santa-Lucia Sängerinnen, wurde von den Kindergärten gemeinsam gefeiert.

»Wir haben gedacht, es wäre doch schön, sich auf dem kurzen Dienstweg auszu-tauschen. Und das Tolle ist, dass das so nebenbei geht. Man braucht keinen Bus, man läuft zu Fuß rüber.«
Claudia Wrobel, Leiterin ADS Kindergarten Wanderuper Straße
Ungewöhnliche Kraft im Kindergarten

Der Kindergarten des Trägers ADS hat Plätze für insgesamt 54 Kinder, die in drei Gruppen aufgeteilt werden, darunter eine Krippengruppe. Jede Gruppe wird von zwei Erziehern betreut – und die bekommen Unterstützung von wahrlich ungewöhnlicher Seite: Claudia Wrobels Hund Bruno ist seit November 2016 fester Bestandteil der Einrichtung. „Bruno ist geprüft und zertifiziert“, erklärt sie. „Über ihn bekomme ich einen ganz anderen Zugang zu den Kindern.“ Und die Kinder? Die haben sich bereits an Bruno gewöhnt und lieben ihn.

Buntes Treiben: Eindrücke aus den Kitas in Tarp

Kapitel 5
In Zukunft noch besser zusammenarbeiten Qualität entsteht im Prozess – und der ist auch in Tarp noch lange nicht beendet. Was wünschen sich die Akteure vor Ort?

Der Besuch auf dem Bildungscampus zeigt: hier tut sich viel. „Momentan haben wir so viele Projekte, dass wir wirklich gut ausgelastet sind“, sagt Judith Detlefsen. Nach ihrer Einschätzung gibt es aber noch Luft nach oben. Zum Beispiel brauchen die Schulklassen zurzeit für jeden Bücherei-Besuch noch eine einzelne Einverständniserklärung der Schulleitung – weil sie dafür das Schulgelände verlassen und ungefähr hundert Meter entlang einer Spielstraße zurücklegen müssen. „Diese Grenzen sollen weg“, sagt Detlefsen. Ihr Traum ist es, ein zusammenhängendes Gelände zu schaffen, ohne Grenzen zwischen den Bildungseinrichtungen. „Und ich glaube, langfristig wird das gelingen. Die Mitglieder des Bildungscampus sind zwar nicht immer alle einer Meinung, wir setzen uns aber regelmäßig an einen Tisch – einfach um das Beste für die Kinder herauszuholen.“ Und auch die Politik zieht bereits kräftig mit: Mittelfristig denkt man bereits über eine Erweiterung des Kulturhauses nach.

Grenzen überwinden – auch in den Köpfen

Außerdem sind die Tagesmütter aus dem Ort noch nicht mit an Bord. In Zukunft wären sie sicher auch noch eine Bereicherung, um das Netzwerk für frühe Bildung im Ort zu komplettieren. „Wenn wir die Grenzen überwinden – auch in den Köpfen – können wir als Einheit funktionieren. Für den Nutzer ist es dann gleich, ob er das, was er sucht, in der Familienbildungsstätte, in der Volkshochschule oder in der Bücherei findet“, sagt Judith Detlefsen. “Vielleicht heißt es in Tarp irgendwann: ich gehe auf den Bildungscampus und hole mir, was ich brauche.”

Alle Einrichtungen ganz nah beieinander: Auf dem Bildungscampus können ganze Bildungsbiografien durchlaufen werden. |

Kapitel 6
Noch mehr Bildungscampus Welche Angebote es für jedes Alter in Tarp gibt, wird bei einem Rundgang im Ort deutlich.

| dkjs/S. Kaya
Annekathrin-Schmidt
Gerd Bohrmann-Erichsen koordiniert den offenen Ganztag

Bei einem Rundgang über den Bildungscampus in Tarp entsteht der Eindruck, hier kooperiere jeder mit jedem: Es gibt einen direkten Durchgang von der Mensa der Gemeinschaftsschule zum Jugendfreizeitheim FRITZ. Das große Außengelände mit Soccer-Arena, Beachvolleyball-Feld und zwei Bolzplätzen wird von Schule, offenem Ganztag und Sportverein genutzt. Die Ganztagsschule hat eine Sportlehrerin eingestellt, die in der Mittagsfreizeit in der  angrenzenden Sporthalle für Spiel, Spaß und Bewegung sorgt. Das erzählt beim Rundgang Gerd Bohrmann-Erichsen, der als Koordinator der offenen Ganztagsschule Tarp eine wichtige Funktion im Bildungscampus innehat.

Die Bücherei bildet Lesepaten aus, die ehrenamtlich in Schulen gehen und dort mit einzelnen oder wenigen Kindern arbeiten: Sie lesen entweder vor, lesen gemeinsam mit den Kindern oder lassen sich von den Kindern vorlesen. Einige der Paten betreuen auch Schüler in den DAZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) und vermitteln Flüchtlingskindern die deutsche Sprache. Für die dänische Grundschule Trene-Skolen werden gerade ebenfalls Lesepaten gesucht– natürlich sollen diese dann auf Dänisch lesen. Die Vorschulkinder aus allen fünf deutschsprachigen Kindergärten im Dorf besuchen regelmäßig die Grundschule und lernen so schon ihre neue Lernumgebung kennen. Das „Spielmobil“ (zwei pädagogische Fachkräfte und ein Bollerwagen voll mit Spielzeug und Ideen) ist jeden Mittwoch auf Spielplätzen in Tarp unterwegs, um Kinder aus allen sozialen Schichten zu erreichen. „In Tarp kann jedes Kind gut und gesund groß werden“, sagt Judith Detlefsen, die Koordinatorin des Bildungscampus.

Kommen Sie mit auf einen Rundgang über den Bildungscampus | dkjs
Vielen Dank für den spannenden Einblick in die Bildungslandschaft
dkjs/S. Kaya
Setzen sich für die Bildung in Tarp ein: vlnr. Judith Detlefsen, Bildungskoordinatorin des BiCa Tarp e.V.; Bürgermeister und erster Vorsitzender des BiCa Tarp e.V., Peter Hopfstock und Jürgend Cordes, Initiator des BiCa Tarp e.V. | dkjs/S. Kaya