Jedes Kind wird mitbedacht

Drei Fragen an Philine Zimmerli von der Jacobs Foundation, die das Programm PRIMOKIZ in der Schweiz umsetzt.

Das Programm Qualität vor Ort begleitet die Verwaltungen von 20 Modellkommunen dabei, ein integriertes, ressortübergreifendes Gesamtkonzept der frühen Kindheit für den Ort zu entwickeln und erste Schritte zur Umsetzung zu gehen. Das Konzept für die Modellkommunen ist dabei an das PRIMOKIZ-Modell der Jacobs Foundation angelehnt. Philine Zimmeli von der Jacobs Foundation weiß, welche Vorteile eine Politik der frühen Kindheit mit sich bringt:

 

Frau Zimmerli, was bringt es dem einzelnen Kind und seiner Familie, wenn die Kommune ein integriertes Konzept der frühen Kindheit entwickelt und umsetzt?
Wenn eine Kommune ein umfassendes Konzept der frühen Kindheit erarbeitet hat und umsetzt, ist gewährleistet, dass jedes Kind mit seiner oder ihrer Familie und dem jeweiligen Bedarf mitbedacht wurde. Es fällt kein Kind durch die Maschen, da alle relevanten Akteure im Bereich der Frühen Kindheit miteinander vernetzt sind, sich austauschen und so in einer strukturierten Weise sicherstellen können, dass jedes Kind dort abgeholt werden kann, wo es sich im individuellen Entwicklungsprozess, in seinem Unterstützungsbedarf und in seinem sozialen, kulturellen, familiären und Bildungsumfeld befindet.

 

Bei einem umfassenden Konzept wurde beispielsweise eben nicht nur die Sprachförderung oder der Kitaplatz bedacht, sondern alle die Strukturen und Angebote aus den Bereichen Bildung, Soziales, Gesundheit und Raumplanung, die den Zeitraum von Beginn der Schwangerschaft bis zum Eintritt in das formale Schulsystem adressieren. Dadurch hat jedes Kind und jede Familie Zugang zu qualitativ hochwertigen Angeboten und Strukturen, die ihm oder ihr gerechte Chancen für einen bestmöglichen Start in das lebenslange Lernen und in die Gesellschaft geben. Es ist von Neurobiologen, Erziehungswissenschaftlern und auch Ökonomen überzeugend bewiesen, dass die ersten Lebensjahre die Weichen stellen für die weitere Entwicklung und dass die Rückstände, die in diesen ersten Jahren entstehen, praktisch nicht mehr aufzuholen sind.

 

Was muss eine Kommune Ihrer Erfahrung nach mitbringen, damit der Veränderungsprozess vor Ort gelingen kann?
Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist, dass der politische Wille in der Kommune vorhanden ist. Nur wenn der Veränderungsprozess politisch gewollt ist und getragen wird, kann eine nachhaltige Entwicklung und Verankerung einer Politik der Frühen Kindheit geschehen. Außerdem braucht es bei der Projektleitung genügend zeitliche Ressourcen, da ein solcher Prozess Zeit in Anspruch nimmt. Es muss sowohl inhaltlich und strukturell gearbeitet werden als auch ein Kennenlernen und ein Vernetzen aller relevanten Akteure innerhalb und außerhalb der Verwaltung stattfinden.

 

Wichtig ist sicherlich auch die Bereitschaft, innerhalb der Verwaltung bereichsübergreifend zu arbeiten, die eigene Komfortzone zu verlassen und zu erkunden, wie eine Kooperation zwischen den Bereichen Gesundheit, Soziales und Bildung stattfinden kann.

 

Die Modellkommunen im Programm Qualität vor Ort erhalten die Möglichkeit, sich mit den Schweizer PRIMOKIZ-Kommunen auszutauschen. Was denken Sie: Was können unsere Kommunen von den Schweizer Kommunen lernen?
Die Modellkommunen in Deutschland können sicherlich davon profitieren, dass sie das Rad nicht neu erfinden müssen. Die Primokiz-Gemeinden haben den gesamten Prozess durchlaufen und haben viele Erfahrungen sammeln können. Einige davon sind z.B., wie ein partizipativer Prozess mit den verschiedenen Akteuren und den Eltern erfolgen kann, wann und in welcher Form die Kommunikation nach außen wichtig ist, wie am besten mit erwachenden Erwartungen von Akteuren und Anbietern umgegangen werden kann,  wie und wann die relevanten Politiker immer wieder mit an Bord geholt werden können, welche Erhebungsmethoden und Darstellungsweisen von Zahlen und Daten für den Ist-Zustand empfehlenswert sind, wo Probleme und Stolpersteine liegen können und was gangbare Lösungsansätze sind.

 

Ein Austausch ist grundsätzlich in beide Richtungen fruchtbar, gerade, wenn die Voraussetzungen zwar ähnlich, aber doch nicht ganz gleich sind. So können sicherlich im Gegenzug auch die Primokiz-Gemeinden von der Situation und der Diskussion mit den deutschen Modellkommunen profitieren.

 

Mehr Informationen zu PRIMOKIZ finden Sie auf der Website www.primokiz.ch.

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