Es ist normal, dass wir verschieden sind

Rund 70 Tagesmütter und Tagesväter aus Hamburg erhielten am 19. November die Chance auf einen Perspektivwechsel und erlebten in Stille und in Dunkelheit, vor welchen Herausforderungen manche Kinder und Familien im Alltag stehen.

Wenn geflüchtete Kinder nach Deutschland kommen, fehlen ihnen zunächst die Worte. Wie ist es, wenn man plötzlich nichts mehr verstehen kann? Und wie fühlt es sich an, in eine fremde Umgebung zu kommen, ohne etwas sehen zu können, wie es für viele Sehbehinderte der Alltag ist? Rund 70 Tagemütter und Tagesväter aus Hamburg erhielten am 19. November die Chance auf einen Perspektivwechsel und erlebten in Stille und in Dunkelheit, vor welchen Herausforderungen manche Kinder und Familien im Alltag stehen.

 

Keine Angst, mit Händen und Füßen zu kommunizieren
Sobald die Kopfhörer aufgesetzt sind, herrscht absolute Stille. Verständigung erfolgt im „Dialog im Stillen“ ausschließlich über Zeichensprache und Mimik – akustische Signale oder Sprache fallen weg. Und doch klappt die Kommunikation mit der Gruppe und mit dem Ausstellungsleiter ohne Probleme. „Hier entlang“, „schauen Sie dorthin“ – auch ohne Worte lassen sich die acht Tagesmütter ganz einfach durch die Ausstellungsräume leiten. Und nicht nur konkrete Anweisungen werden verstanden. Auch Gefühle können problemlos ohne Worte transportiert werden. Das wird klar, als der Ausstellungsleiter abwechselnd Bilder von niedlichen Kätzchen und Sandstränden und dann plötzlich von haarigen Vogelspinnen oder schwindelerregenden Blicken in die Tiefe präsentiert. In den Gesichtern liest man Zuneigung, Freude, Angst, Ekel  – und das ganz ohne Worte.

 

Und auch die Tageseltern, die den „Dialog im Dunkeln“ besuchen, stellen fest, dass mehr funktioniert, als gedacht: „Zunächst fühlt man sich hilflos, aber man gewöhnt sich daran“, resümiert eine Tagesmutter ihre Erfahrungen, die sie in völliger Dunkelheit gemacht hat. Der Tastsinn wird hier zur wichtigen Unterstützung, wenn Blindenschrift, statt gedruckter Schrift gelesen werden muss.

 

Die Erfahrungen, die die Teilnehmenden im Stillen und im Dunkeln gemacht haben, dienen als Denkanstoß und als gemeinsame Basis für die anschließende Diskussion – auf der Veranstaltung „Perspektivwechsel – Ein Qualitätsdialog über Vielfalt in der Kindertagespflege“.

 

Kindertagespflege als Chance für Vielfalt
„Ich finde es gut, dass es mal eine Veranstaltung speziell für uns Tagesmütter gibt“, verkündet eine Teilnehmerin direkt bei der Anmeldung. Und tatsächlich ist diese Gelegenheit zum Austausch für Tagespflegepersonen etwas Besonderes. Obwohl die Kindertagespflege in Hamburg und in ganz Deutschland eine gleichberechtigte Betreuungsoption für Kinder ist, wird sie häufig als schlechtere Alternative zu Kitas angesehen. Doch in manchen Situationen ist das Gegenteil der Fall. Die kleine Gruppengröße in der Kindertagespflege macht  eine individuellere Betreuung einzelner Kinder möglich. Das betont auf der Veranstaltung auch Hamburgs Sozialsenatorin Dr. Melanie Leonhard. Sie begrüßt die Teilnehmenden und dankt der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, die im Rahmen des Programms Qualität vor Ort  in die Räume von „Dialog im Dunkeln“ in die Hamburger Speicherstadt eingeladen hatte. Gerade für geflüchtete Familien sei die Kindertagespflege als individuelle und sensible Form der Betreuung ein guter Einstieg in die Fremdbetreuung ihrer Kinder. „Kein Faltblatt der Welt kann erklären, was Sie in Ihrer täglichen Arbeit leisten“, lobt die Politikerin die Integrationsarbeit, die Tagesmütter und -väter in Hamburg leisten.

„Können auch Männer Bundeskanzlerin werden?“
Was bedeutet Vielfalt in der Kindertagespflege? Darüber sollen sich die Anwesenden den restlichen Tag über austauschen. Besondere Inspiration erhalten die Tagesmütter und Tagesväter dafür von Dörte Maack und Rona Meyendorf. Die beiden arbeiten bei „Dialog im Dunkeln“. Dörte Maack ist blind, Rona Meyendorf gehörlos. In einem Vortrag erzählen sie, wie wichtig es für sie ist, als Individuen, nicht nur als Frauen mit Behinderung wahrgenommen zu werden. „Als ich noch nicht blind war, dachte ich: Es gibt die Blinden“, sagt Dörte Maack, „jetzt weiß ich jedoch, dass wir Blinden auch alle verschieden sind.“  Sie ermutigt die Teilnehmenden des Dialogs, außerhalb von Schubladen zu denken.

 

Wie das gehen kann, das erklärt Seyran Bostancı vom Institut für den Situationsansatz in ihrem Fachvortrag. Sie erklärt, was vorurteilsbewusste Bildung, Betreuung und Erziehung für den Arbeitsalltag von Tagespflegepersonen bedeuten kann. Nämlich zum Beispiel, dass man den Kindern Buntstifte in verschiedenen Hautfarben-Tönen zur Verfügung stellt. Oder, dass Tagesmütter darauf achten, welche Informationen die Kinder über Bilderbücher aufnehmen. Gerade in älteren Büchern sind häufig noch stereotype Darstellungen von anderen Kulturen oder von der klassischen „Bilderbuchfamilie“ zu finden. Das ist kritisch, denn nur was Kinder sehen und erleben, das formt auch ihre Realität. Das wird ganz deutlich, als Dörte Maack erzählt, was ihr Sohn sie einst gefragt hat: „Mama, können auch Männer Bundeskanzlerin werden?“

 

Fruchtbarer Praxisaustausch
An verschiedenen Thementischen tauschen sich die anwesenden Tageseltern anschließend über ihre konkreten Herausforderungen, aber auch über gute Beispiele aus der Praxis aus. Am Thementisch zur Sprache geht es natürlich vor allem um das Erlebte im „Dialog im Stillen“. Was können wir tun, wenn Eltern oder Kinder kein Deutsch sprechen, also eine Verständigung nur über Zeichensprache oder Sprachmittler erfolgen kann? An einem anderen Tisch geht es um die Bedürfnisse der Kinder. Wie erleben sie Vielfalt in ihren Betreuungsgruppen? Und was kann man tun, damit Vielfalt für Mädchen und Jungen zur Normalität wird?

 

In der Abschlussrunde im Plenum wird deutlich, wie wichtig dieser Austausch gerade für Tagespflegepersonen ist, die sonst häufig allein arbeiten. Eine Teilnehmerin schlägt sogar vor, sich untereinander besser zu vernetzen. Das Programm Qualität vor Ort kann dabei mit seinen speziellen Vernetzungshilfen eine gute Unterstützung sein.

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